FRAUEN IN WIRREN ZEITEN

Die Stärke der Frauen

Letzte Woche Männer, diese Woche Frauen – in wirren Zeiten. Männer mögen ja öfter mal behaupten, dass das gut zu Frauen passt, da Frauen ohnehin etwas „verwirrend und undurchsichtig“ sein können.

Vielleicht ist das aber nur diesen verwirrenden gesellschaftlichen Strukturen zu verdanken, durch die man sich als Frau in einer von Männern dominierten Welt in verschiedenen Rollen – sei es als Geliebte, Mutter oder Arbeitnehmerin durchmogeln muss? Frauen haben zumindest immer Stärke gezeigt und auf ihre Weise für ihre Identität und Interessen gekämpft.

 

 

ALLES ÜBER MEINE MUTTER

 

Der Spanier Pedro Almodóvar hat dafür wohl ein besonderes Verständnis. „Gegen den Machismo meiner Heimat, der La Mancha, haben sich vor vierzig Jahren die Frauen mit den Mitteln der Täuschung, der Lüge und des Versteckspiels behauptet und so dafür gesorgt, dass das Leben in die richtigen Bahnen gelenkt wurde. Damals ahnte ich es noch nicht, aber dies sollte eines der Motive meines 13. Films werden, die Begabung der Frau für das Theaterspiel, die Maskerade; weitere sind die Verlustgefühle einer Mutter und die spontane Solidarität unter Frauen.“

Männer spielen in seinem Film eine untergeordnete, eher schwache Rolle. Die Stärke gehört den Frauen. Denn trotz aller Widrigkeiten und verwirrenden Umstände besitzen sie die Kraft sich zu behaupten. Auf moviepilot.de habe ich eine tolle Kurzkritik des Users „Abendrot“ gelesen: „Interessanter Tauchgang in die (spanische) Travestie-Szene, über starke Frauen, deren beste Freundinnen Männer und deren Väter ihrer Kinder Frauen sind. Stark!“ Man muss diesen Satz wohl dreimal lesen, bis man ihn genau verstanden hat. Und so geht es wohl auch Manuela, der Hauptfigur in Almodóvars Film, in dem Wirrwar ihres derzeitigen Lebens, in den verrückten Verstrickungen von Personen und Begebenheiten.

Ihr Sohn, den sie alleine großgezogen hat ist tot, der Vater ein Transvestit, die Freundin HIV-positiv. Aber bei all der Trauer und Verzweiflung gelingt es ihr, dem Ganzen doch etwas Positives abzugewinnen.

Vielleicht weil sie liebt und kämpft wie eine Mutter: „Für alle Menschen, die Mutter sein wollen, für meine Mutter.“ ist auf den Texttafeln bei „Alles über meine Mutter“ zu lesen. Vielleicht kann man den Titel jetzt erst verstehen – es geht hier fast weniger um die Geschichte einer einzelnen Frau, als um die Eigenschaften von Frauen im Allgemeinen. Zumindest so, wie Almodóvar das sieht.

Wie schön, dass diese Ehrung von einem Mann kommt. Noch schöner, dass der Film von der Goldenen Palme über den European Film Award bis hin zum Oscar für den besten fremdsprachigen Film fast alle wichtigen Filmpreise gewann. Zurecht, denn es ist ein wunderschöner Film über Liebe, Verlust, Freundschaft und Frauen, die aus ihrem Schicksal das Beste machen.

Lob von euch?

 

 

PERSONAL SHOPPER

 

Aber zurück zum Stichwort „wirr“. Im selben Atemzug kann man hier Olivier Assayas’ Konstrukt mit Kristen Stewart in der weiblichen Hauptrolle nennen. Nicht nur die Umstände Maureens sind verwirrend und leicht abgehoben, auch der Film an sich ist bizarr-undurchsichtig. Man weiß am Anfang nicht so recht, was erzählt werden soll. Horrorgeschichte, Drama um Tod und Verlust, Kritik an der oberflächlichen Modewelt? Nach einer Weile erst versteht man, oder auch nur ich, dass es hier um die Selbstfindung einer jungen Frau geht.

Maureens Leben ist leer. Sie hat einen Job als personal Shopperin für einen Star, den sie zwar gut kann und mit dem sie gut verdient, aber der ihr keinen Sinn stiftet. Nach dem Tod ihres Zwillingsbruders, der an ein Leben nach dem Tod geglaubt hat, wird es noch leerer. Durch seinen Glauben an paranormale Erscheinungen versucht sie dem Leben eine übergeordnete Macht zu geben und Orientierung zu finden. Denn eigentlich weiß sie nicht so recht wohin mit sich. Sie verliert sich in dem Glauben an Geister so wie andere sich in Religionen oder unnötigem Konsum verlieren. Wenn man nicht weiß, wer man ist und was mal will, lässt man sich lenken, sucht geradezu nach Anhaltspunkten. Erst als sie loslässt und erkennt, dass alles ihrer Geisteskraft entspringt und sie ihr Leben selbst lenkt, bahnt sich das erste Mal ein Lächeln auf ihre Lippen.

Wissen tut man das als Zuseher aber nicht mit Sicherheit. Es bleibt viel Raum für Interpretation. Für mich hätte der Film auch sehr gut in unsere Reihe „Surreales“ gepasst. Was ist wahr und was nur Einbildung? Wer sind wir eigentlich und wie werden wir dazu?

Blogpost Abgründiges und Surreales

wie versteht ihr den Film?

 

 

ROSENSTRASSE

 

Jetzt schiebe ich kurz den nächsten Film dazwischen und spekuliere darauf, dass der dritte Absatz am ehesten untergeht. Denn Margarethe von Trotta in allen Ehren, der Film ist leider meiner Meinung nach recht schrecklich.

Ja, die Courage der Frauen für ihre Männer ist großartig – wenn das alles denn genau so geschehen ist. Zweifel und Kritik gab es da viel, wie z.B. von Beate Meyer, die fragte „wie es denn eigentlich zum Judenmord kommen konnte, wenn es doch nur sieben Tage der Standhaftigkeit bedurfte, ihn zu verhindern.“  Der Ausgang wäre historisch falsch und utopisch. Den Wahrheitsgehalt kann ich schwer beurteilen, die Umsetzung allerdings recht gut.

Und da sehe ich einen recht platten deutschen Film mit gewollten Schauspielern.

Schade, denn die Frauen, die im 2. Weltkrieg Mut und Stärke bewiesen haben, seien es „Arische“ oder Jüdische, verdienen mehr Respekt durch eine realistische, detailliertere Umsetzung ohne Kitsch.

typisch deutscher Film?

 

 

VICTORIA

 

Dafür ist der nächste deutsche Film umso besser!

Victoria – Sieg! Sinnbildlich doppeldeutig für Film und Protagonistin. Normalerweise rede ich hier nicht so viel über die technische Machart der Filme, aber in diesem Fall ist es der Genialität des Kameramanns geschuldet. Dem Norweger Sturla Brandth Grøvlen ist gelungen, was noch nie jemand vorher umsetzen konnte. Er hat den ganzen Film in nur einem Take gedreht, heißt komplett ohne Schnitt! Dafür erhielt er den Silbernen Bären in der Kategorie Herausragende künstlerische Leistung für die beste Kamera auf der Berlinale 2015.

Natürlich hat er das nicht alleine gemacht. Zwischen 4:30 und 7:00 Uhr am 27.4.2014 stand eine riesige Filmcrew unter der Leitung von Regisseur Sebastian Schipper bereit, um das Planspiel, das ganze drei Monate lang geprobt wurde, in einem 140-minütigen Durchlauf zu filmen. Was das für eine organisatorische und künstlerische Meisterleistung ist, kann man sich wahrscheinlich gar nicht richtig vorstellen, wenn man noch nie einem Filmdreh beigewohnt hat.

Sicher, die meisten Werke sind filmisch hochwertiger, aber das intuitive Folgen der Handkamera passt zu der Spontanität der Geschichte.

Die Spanierin Victoria ist neben den vier Jungs „Sonne, Boxer, Blinker und Fuß“ der „Star“ einer Berliner Nacht. Was als kleiner Ausbruch aus dem Alltag anfängt, wird zu einem Alptraum, als sie sich entschließt, den Fluchtwagen der Jungs bei einem Banküberfall zu fahren.

Und jetzt fragt man sich: warum? Bzw. nicht erst jetzt. Zumindest ich saß bereits am Anfang des Films leicht entgeistert da und dachte mir, dass ich diesen Idioten keine 100 Meter gefolgt wäre – so amüsant sie auch sind. Denn dass sie sturzbetrunken und kriminell sind ist offensichtlich. Gezwungen hat Victoria in jedem Fall keiner. Ist sie einfach nur dumm und naiv? Nein, Victoria wirkt nicht so. Und am Ende des Films ist sie die einzige, die noch einen einigermaßen kühlen Kopf bewahrt. Es ist etwas anderes – die Sehnsucht etwas zu erleben, ihre Jugend nachzuholen, die sie durch das professionelle Klavierspielen verloren hat, die aktuellen Änderungen, Verwirrungen und Ziellosigkeit in ihrem Leben zu vergessen. Und dann natürlich Verliebtheit. Letztendlich will sie sich ausprobieren und ihren Platz finden. Das wird sie vielleicht nach diesem Abenteuer, wer weiß. Niemand hat gesagt, dass das einfach ist und es werden viele Tränen vergossen auf dem Weg dorthin. Laia Costa spielt das unglaublich.

 

 

 

Auch wenn sich der Film gerade am Anfang ein bisschen in die Länge zieht und ein paar Kleinigkeiten nicht ganz so realistisch sein mögen, ist das Experiment für mich gelungen. Wie bei einer Doku ist man nah an den Menschen, sieht auch das scheinbar Unwichtige und taucht so in einen 140-minütigen Lebensausschnitt von Victoria ein.

Beim Deutschen Filmpreis 2015 wurde der Film in sechs Kategorien mit einer „goldenen Lola“ prämiert, unter anderem als bester Spielfilm und für die beste Regie.

Na also. Ich will mehr solche deutschen Filme sehen! Und wo wir beim Thema Frauen sind – gerne auch mal von mutigen Regisseurinnen. Go Girls!

wollt ihr mehr solche Filme?

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