ERZIEHUNG

Erziehung?? – Was für ein dröges, pseudo-intellektuelles Thema!?
Ja, dachte ich mir auch. Aber mit Filmen wie der Kriegerin und Captain Fantastic werden Erziehung, Befreiung und Selbstoptimierung zu einem abenteuerlichen Ritt.

Erziehung?? – Was für ein dröges, pseudo-intellektuelles Thema!

Ja, dachte ich mir auch. Aber mit Filmen wie der Kriegerin und Captain Fantastic werden Erziehung, Befreiung und Selbstoptimierung zu einem abenteuerlichen Ritt.

Gut, vielleicht hätte man dem ganzen einen anderen Titel geben können, aber es ist eben schwer, für die Komplexität des Begriffes ein sexy Wort zu finden. Denn im Großen und Ganzen geht es bei Erziehung um viel mehr als die Erziehung von Kindern durch ihre Eltern oder um schulische Bildung. Es geht um Grundsatzfragen einer Gesellschaft und um die Verwirklichung von eigenen Werten. Darüber sind schon so einige Debatten entbrannt – und ich hoffe auch hier!

 

 

Captain Fantastic

 

Was ist ein Adidas?

Wenn in „Captain Fantastic“ die linken Alt-68er-Ideale von Ben und seinen Kindern auf die reale Welt stoßen, dann entbrennen die Debatten allemal. Und das in einer ungewohnt angenehmen Art aus Ernsthaftigkeit und humorvoller Leichtigkeit. Während Ben seinen Kindern im Wald das Überleben beibringt und ihnen Werte wie Zusammenhalt, Toleranz und Aufrichtigkeit lehrt, wachsen die Kinder seiner Verwandten in einem für ihn verlogenen, materialistischem System auf. Kein Wunder, dass es beim Zusammentreffen zu einigen Éclats kommt.

Auf wessen Seite man da steht, ist nicht ganz so leicht zu beantworten. Vor allem weil Einiges doch etwas überzogen und unrealistisch dargestellt wir. Zum Beispiel die Szene, in denen die Kids mitten in der Zivilisation mit Pfeil und Bogen auf Nahrungssuche gehen oder verdutzt fragen, was den Cola oder „ein Adidas“ ist. Das ist natürlich naiv und zum Lachen! Wenn aber die Kinder der Verwandten beim Essen desinteressiert an ihren Handy’s hängen anstatt sich zu unterhalten, zwar keinen Schluck Wein, aber brutale Ballerspiele zocken dürfen und nicht mal wissen, was die „Bill of Rights“ sind, dann ist das zum Weinen.

"Captain Fantastic"
Szene aus „Captain Fantastic“

Und spätestens jetzt fängt man an sich zu fragen, ob da alles richtig läuft mit unserer Erziehung. Die Antwort des Films ist ein klares nein. Das Wichtige bleibt auf der Strecke. Kommunikation, Füreinander einstehen, der Bezug und die Wertschätzung der Umwelt, die individuelle Förderung der Persönlichkeit, die Vermittlung von echten Werten. All das, was in unserer Gesellschaft mehr und mehr verloren geht. Eine wirkliche Lösung bietet der Film allerdings auch nicht. Denn es ist klar, dass wir nicht alle in die Wälder zurückkehren können. Und ein Leben ohne Gesellschaft ist eben auf Dauer auch nicht möglich. Das wird sogar Ben am Ende des Films schmerzlich bewusst.

Trotzdem regt die Geschichte zum Nachdenken über Alternativen an. Und zumindest bei mir hat er auch ein leichtes Gefühl von Sehnsucht und Sentimentalität geweckt. Wäre ich gerne so aufgewachsen? Müsste ich mich entscheiden, würde ich wahrscheinlich sogar dafür stimmen.

Das liegt wahrscheinlich auch an der Herzlichkeit dieser einzigartigen Familie und der grandiosen Schauspielleistung der Darsteller. Nicht nur Viggo Mortensen spielt phänomenal, auch den Kindern nimmt man zu jeder Zeit ihre Rolle vollkommen ab. Hinzu kommen die phantasiereichen Kostüme sowie die wunderschönen, ruhigen Bilder des Films, die in Wahrheit wahrscheinlich nicht ganz so idyllisch wären. Dennoch, ich wäre gerne Teil dieser Familie gewesen. Und ihr?

Kommentar

 

 

Philomena

 

Außerehelicher Sex ist Sünde!

In der Haut von Philomena möchte ich wiederum nicht stecken. Es ist besser, wenn man gleich zu Beginn sagt, dass der Film für vier Oscars nominiert wurde (bester Film, beste Hauptdarstellerin, bestes adaptiertes Drehbuch, beste Filmmusik). Denn bei dem Schicksal „ungewollte Schwangerschaft mit Zwangsadaption“ schreit man nicht grade begeistert auf.

Ein kleiner „Fehltritt“, wie ihn heutzutage tausende Frauen begehen, hat für Philomena schwere Folgen. Da Sex vor der Ehe und noch dazu ein uneheliches Kind in den 50er Jahren nicht toleriert sind, wird sie quasi aus der Gesellschaft ausgestoßen. Sie muss in ein katholisches Kloster und dort die Kosten für ihre Entbindung + ihre Sünde abzuzahlen. Ohne ihre Zustimmung wird ihr kleiner Junge schließlich zur Adoption freigegeben.

Philomena
Szene aus „Philomena“

Es ist ein schreckliches Beispiel dafür, wie mächtig Normen einer Gesellschaft für die Erziehung und Entwicklung von Individuen sein können und wie diese variieren. Philomena hatte keine Wahl. Ihr Wille war nicht gefragt, nicht von den Eltern und schon gar nicht von gesellschaftlichen Institutionen wie der Kirche. Regeln und Strenge stehen hier ganz im Gegensatz zur Liebe und Selbstentfaltung bei Captain Fantastic.

Judi Dench bringt den Schmerz und das innere Leid dieser Frau undramatisch aber intensiv rüber – souverän wie immer. Und auch der Rest des Films schafft es mit leisen Tönen ein großes, wichtiges Thema anzusprechen. Eines über das man viel mehr diskutieren sollte. Also bitte:

Kommentar

 

 

Kriegerin

 

Demokratie ist scheiße!

„Demokratie ist das Beste, was wir je auf deutschen Boden hatten. Wir sind alle gleich, es gibt kein oben und kein unten, (…) und jeder kann mitbestimmen.“

Echt jetzt? Das wirkt geradezu absurd nachdem man den Film „Kriegerin“ gesehen hat. Und genau damit spielt der Regisseur David Wnendt, wenn er seine Hauptdarstellerin die Worte einsprechen lässt. Zwar ist einem durchaus bewusst, dass die Demokratie kein perfektes politisches System ist, aber nach 106 Minuten in der rechtsradikale Szene, wird einem doch übel.

Das Ideal einer Demokratie basiert auf einem gebildeten, „gesunden“ Bürgertum, welches leider oft so nicht mehr existiert.

Kriegerin
Szene aus „Kriegerin“

Marisa wächst im trostlosen Osten Deutschlands in zerrüteten Familienverhältnissen auf. Die einzige Person in ihrem Leben, die sich um sie kümmert ist ihr Großvater. Der ist Altnazi und trichtert ihr schon früh ein, dass die Juden die Ursache aller Probleme sind. Er bildet sie zu einer kleinen Kriegerin aus – wer will denn schon Prinzessin sein?

Ebenso hat Svenja unter den strengen und unmenschlichen Erziehungsmethoden ihres Stiefvaters zu leiden und sucht nach Freiheit und Gemeinschaft. Beide finden sie Halt und Führung in der rechtsradikalen Szene. Der Hass und die Frustration über ihr eigenes Leben lassen sie gewalttätig werden und Hitlerparolen schreien. Sie wissen wenig, hinterfragen nichts, sie brauchen lediglich ein Ventil für ihre Gefühle. Sollen solche Menschen berechtigt sein mitzubestimmen?

Und wo führt solch eine Erziehung hin? Was passiert, wenn Erziehungsberechtigte nicht fähig sind, sich adäquat zu kümmern oder die Beeinflussbarkeit von Kindern und Jugendlichen ausnutzen. Die Folgen sind nicht nur dramatisch für die Betroffenen, sondern eben auch für den Rest der Gesellschaft. Und das ist es, was uns der Film über die Geschichte von Marisa hinaus sagen will: Es ist auch unsere Verantwortung. Staat und Gesellschaft sind gefordert, gute Bedingungen für Erziehung zu schaffen und zu unterstützen, wo es an Bildung und Zuwendung mangelt.

Kommentar 

 

 

Das Labyrinth der Worte

 

Love is all you need?

Dass das möglich ist zeigt einer der letzten Filme von Gérard Departieu. Germain hat es in seiner Kindheit ebenfalls an Liebe und Aufmerksamkeit gefehlt. Von seiner Mutter wurde er als dumm beschimpft und in seinem Leben musste er sich fast alles allein beibringen.

Im Gegensatz zur Kriegerin ist Germain allerdings trotzdem ein lieber Kerl geworden. Was vielleicht nicht nur an seinem Charakter, sondern auch an dem besseren Umfeld liegt.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber wäre er nach dem Gehänsel seiner Mitschüler und Kollegen auf einen rechtsradikalen Hetzer gestoßen, wer weiß was passiert wäre? So aber trifft er die reizende, ältere Dame Margueritte, die ihn an die Literatur heranführt. Und siehe da, in Germain steckt ein richtiger Poet.

Das Labyrinth der Worte
Szene aus „Das Labyrinth der Worte“

Das zeigt, dass Intelligenz und Bildung nicht unbedingt etwas miteinander gemein haben, aber vor allem, dass es Geduld und Zuneigung für eine gute Erziehung braucht. Es bedeutet aber auch, dass es letztlich nie zu spät ist. Jeder hat die Chance noch im Nachhinein dazuzulernen und seine eigenen Werte zu finden oder zu überdenken. Also quasi sich selbst zu „optimieren“.

Gérard Departieu ist prädestiniert für die Rolle und der Film insgesamt ein nettes Feel – Good Movie. Für meine Begriffe allerdings etwas zu platt und klischeehaft inszeniert und nicht so 100% ins Thema passend.

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