AMERICAN TRAUM(A)

Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Nichts steht so sehr für die USA wie das Image des „American Dream“ von Selbstbestimmtheit, Gleichheit und Wohlstand. Gelebter Traum oder gescheiterte Vision?

– Kriegsmiseren, Kriminalität und Rassismus, Wirtschaftskrise, Armut und der gescheiterte Wunsch vom großen Erfolg. Alles Dinge, welche die hübsche Fassade der „Great United Nations“ stetig bröckeln lassen. Aber was Scheitern ist und was Sieg, ist immer eine Frage der Perspektive…

 

KAPITALISMUS

Traum(a) von Armut und Finanzkrise

Aus Sicht der Reichen zumindest, ist alles ziemlich gut gelaufen. Seit dem Irak-Krieg war ihre ökonomische Situation nie besser. Was mit dem Rest der Bevölkerung ist, kann den Mächtigen ja relativ egal sein. Und die Mächtigen, das sind die Banken.

We’re at a turning point in our history (…). Human Identity is no longer defined by what one does but by what one ownes.

Bereits 1979 hielt der ehemalige US Präsident Jimmy Carter eine Rede, in der er eindringlich davor warnte, dass alleine Geld zum Maßstab von Erfolg werde und der Kapitalismus die Demokratie ersetze. Das Land sei infiziert von der Droge Geld und dem Konstrukt des American Dream, der die Illusion aufrecht erhalte, selbst für seinen Erfolg verantwortlich zu sein und irgendwann einmal auch zu den Reichen zu gehören.

Szenenbild: „Kapitalismus – eine Liebesgeschichte“ von Michael Moore

Knappe 30 Jahre später platzt nach Jahren der Profitgier und des Spekulationswahns 2007 die Bombe: Lehmann-Brothers ist pleite und die Finanzkrise eskaliert. Hunderttausende Menschen sitzen über Nacht unverschuldet bzw. hoch verschuldet auf der Straße. Und wem hilft der Staat – den Banken!

Seltsam? Unfassbar? Nein, kein Wunder im System des Kapitalismus, meint Michael Moore. Denn die Politik ist seit Jahrzehnten in den Händen von Vertretern der Banken und Großkonzernen. Und die führen das Land nicht wie einen Sozialstaat, sondern wie einen Konzern. Ohne Rücksicht auf Verluste für den maximalen Gewinn.

Für ihn ist der Kapitalismus die Ursache allen Übels. Was für einige wenige ein Traum ist, wird für viele zum Trauma.

Der einzige Weg hinaus? Für Moore ist es das, wovor auch die Reichen und Mächtigen Angst haben – der Bauernaufstand. Denn noch haben wir eine Demokratie, in der jede Stimme gleich zählt und damit die Macht, Dinge zu verändern.

In gewohnt provokanter und witziger Weise stellt Michael Moore die Folgen der ungebremsten Fortsetzung des Raubtierkapitalismus dar. Dabei geht er nicht immer dokumentarisch sauber vor, zeigt aber dennoch viel Wahres auf. Natürlich kann man sich darüber streiten, welche Details nun stimmen und welche evtl. einseitig oder überspitzt dargestellt sind. Im Grunde geht es aber doch darum, die Menschen zum Nachdenken und Handeln zu bringen. Denn wir hätten mehr Macht als wir denken.

Oder?

 

TÖDLICHES KOMMANDO

Traum(a) des Krieges

Wie wird man Nummer eins in einem kapitalistischen System? Richtig, man vernichtet seine Gegner und bemächtigt sich deren Ressourcen. Und Amerika – natürlich sind sie nicht die Einzigen – hat davon so einige geführt. Immer unter dem Deckmantel politischer und menschenrechtlicher Argumente, versteht sich. Ohne wirtschaftliche Interessen hätte es u.a. Vietnam, Somalia, Afghanistan, Irak und Syrien nie gegeben. Die Leidtragenden sind die Zivilisten und die Soldaten.

Neben den Soldaten, die unmittelbar im Einsatz fallen, bringen sich laut der amerikanischen Veteranen Behörde bis zu 20 ehemaliger Soldaten täglich! wegen Armut und posttraumatischen Störungen um. Die meisten können mit niemanden über ihre schrecklichen Erlebnisse sprechen, vor allem, weil niemanden, der sie nicht selbst erlebt hat, die Schrecken des Krieges nachvollziehen kann.

Einer der wenigen Regisseurinnen in Hollywood versucht mit „Tödliches Kommando“ genau das – den zermürbenden Alltag und den Wahnsinn des Krieges an einer Gruppe Soldaten greifbar zu machen. Helden und Identifikationsfiguren gibt es nicht, alle sind gleich und jeder ist sterblich. Das bedeutet, es ist wie im echten Krieg – jeder kann jederzeit draufgehen.

Szenenbild: „The Hurt Locker – Tödliches Kommando“ von Kathrin Bigelow

Jetzt könnte man nüchtern sagen: das ist ihr verdammt gut gelungen. Aber wenn man zitternd und schweißgebadet vor dem Bildschirm sitzt und auch noch 10 min nach Filmende sein eigenes Herz rasen hört, ist das vielleicht zu wenig.

Denn durch die realistische, präzise Inszenierung Bigelows fühlt man sich wie ein Teil der Gruppe. Kann die Schwankungen zwischen Adrenalinrausch und nackter Angst,
ihre physisch und psychisch extremen Belastungen zumindest nachempfinden und erleben, wie die Männer daran zerbrechen um schließlich nie wieder ein normales Leben führen können.

Der Film ist ein authentisches, Nerven zerreißendes Abbild des Alltags im Irak-Krieg ohne jeglichen Patriotismus. Er zeigt, wie hoch der Preis für den amerikanischen Traum ist, den die Soldaten stellvertretend bezahlen. Kathrin Bigelow hat für diese Leistung ganze sechs Oscars abgeräumt – als Frau in Hollywood und gegen einen Konkurrenten wie Avatar. Ein „American Dream“ quasi.

Kennt ihr bessere Kriegsfilme?

 

L.A. CRASH

Traum(a) von Einwanderung und Rassismus

Seit Gründung der United Nations of America sind Millionen Menschen in das Land gekommen, um ihren amerikanischen Traum von einem besseren Leben in Wohlstand zu verwirklichen. Ob aus Europa, den angrenzenden Lateinamerikanischen Staaten oder Asien und Afrika, das freie Land Amerika verhieß jedem Gleichheit und die Chance auf Glück. Dass dies für viele ein Traum geblieben ist, weiß man nicht erst seit den Unruhen in Ferguson 2015/16. Vorurteile und Benachteiligungen Weißer gegenüber Ausländern, aber auch Ablehnung und Gewalt unter den einzelnen ethnischen Gruppen gehört zu den großen Problemen Amerikas.

Mit L.A. Crash tauchen wir in kurzen, aber sehr intensiven Episoden in das Leben von 13 unterschiedlichen Menschen ein, das von Konflikten, Rassismus und Berührungsangst geprägt ist.

Szenenbild: „L.A. Crash“ von Paul Haggis

”Es ist das Gefühl der Berührung. In einer normalen Stadt geht man zu Fuß. […] Man berührt einander, rempelt sich an. In L.A. berührt dich nie jemand. Wir sind doch immer nur hinter Metall und Glas. Ich glaube, diese Berührung fehlt uns so sehr, dass wir miteinander kollidieren müssen, um überhaupt etwas zu spüren.”

Szenenbild: „L.A. Crash“ von Paul Haggis

Schon allein der Monolog zu Beginn des Films zu Bildern von Regen und Blaulicht lässt Gänsehaut entstehen. Und dieses Gefühl hält an, bis zur letzten Sekunde. Auf den ersten Blick haben die unterschiedlichen Charaktere nichts miteinander gemein. Doch nach und nach kreuzen sich ihre Wege und verstricken sich in einer Reihe von Missverständnissen, Argwohn, Gewalt und Verzweiflung.

Das Besondere: jeder wird mit jedem konfrontiert und nichts ist so, wie es zu sein scheint.

Drehbuchautor und Regisseur Haggis ist mit einem Mini-Budget ein großartiger Film gelungen. Schauen wir doch auch nur kurz in das Leben der Menschen, fühlen wir uns ihnen ganz nah und erleben ungemein bewegende Momente. Dabei schafft er es trotz des schweren Themas dem Film eine gewisse Leichtigkeit mit auf den Weg zu geben und das nötige Quäntchen Glück, um nicht anschließend deprimiert auf dem Sofa zu sitzen. Für mich eine kleine Meisterleistung, um die sich die Stars Hollywoods nicht umsonst gerissen haben und die verdient zum besten Film des Jahres 2006 gekürt wurde.

gut oder schlecht?

 

FRANCES HA

Traum(a) des Traums von Glück und Selbstverwirklichung

Und dann gibt es noch die anderen. Die, die zwar Träume haben, aber Träume, die nicht so ganz in das Konzept des American Dream passen. Die sich bewusst dafür entscheiden, sich den Vorstellungen der Gesellschaft nicht anzupassen. Die für das leben, was sie lieben, die sich treiben lassen, die nicht perfekt sind, die ihren Traum vom Glück nicht in Karriere und Wohlstand sehen.

Szenenbild: „Frances Ha“ von Noa Baumbach

Frances Ha ist so jemand. Ein Mädchen Ende zwanzig, das unbedingt Tänzerin sein will, auch wenn es nicht lukrativ ist und wenn ihr keine große Karriere bevorstehen wird. Ihr Leben läuft nicht rund, sie ist nicht ehrgeizig, erreicht nichts Besonderes. Aber doch lebt sie das Leben, für das sie sich entschieden hat. Und vielleicht mag man sie als Zuschauer deshalb so gerne: weil sie menschlich ist, selbstbestimmt, sich nicht unterkriegen lässt und ihren eigenen Traum träumt. Eben genau das tut, was sich viele Menschen eigentlich wünschen, aber einfach nicht trauen.

Vielleicht wird es langsam Zeit für ein neues Vorbild von einem Traum.

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